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Betreff: Stellungnahme zum Schnellbrief Nr. 400/2026 vom 22. Oktober 2026 – Einführung eines landesweiten Kita-Sozialindexes
Sehr geehrter Herr Waasem,
sehr geehrter Herr Dr. Menzel,
sehr geehrte Damen und Herren,
die Stadt Lügde nimmt die mit Schnellbrief Nr. 400/2026 übermittelten Informationen zur Einführung eines landesweiten Kita-Sozialindexes mit erheblicher Sorge und deutlicher Kritik zur Kenntnis.
Wir bitten den Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen ausdrücklich darum, die nachfolgenden Bedenken in die weiteren Gespräche mit der Landesregierung einzubringen und sich gegen eine zunehmend sozialindexbasierte Steuerung der Kita-Finanzierung zulasten der Regelsysteme und insbesondere des ländlichen Raums einzusetzen.
1. Das eigentliche Problem bleibt ungelöst: Die Regelfinanzierung ist nicht auskömmlich
Die Einführung des Kita-Sozialindexes setzt aus unserer Sicht an der falschen Stelle an.
Bereits heute ist die Finanzierung der Kindertagesbetreuung in Nordrhein-Westfalen strukturell unzureichend. Zahlreiche Träger sind nur deshalb in der Lage, ein verlässliches und qualitativ angemessenes Betreuungsangebot aufrechtzuerhalten, weil die Städte und Gemeinden über ihre eigentlichen Finanzierungsverpflichtungen hinaus erhebliche zusätzliche Mittel bereitstellen. Damit übernehmen Kommunen zunehmend finanzielle Verantwortung für ein System, dessen auskömmliche Finanzierung zu den grundlegenden Aufgaben des Landes gehört. Anstatt diese strukturelle Unterfinanzierung konsequent zu beseitigen, werden mit dem Kita-Sozialindex und den sogenannten Chancen-Kitas neue Förderstrukturen geschaffen, die lediglich ausgewählten Einrichtungen zusätzliche Ressourcen verschaffen. Eine solche Entwicklung halten wir für grundlegend falsch.
Ein finanziell nicht auskömmliches Regelsystem wird nicht dadurch besser, dass einzelne Einrichtungen zusätzliche Fördermittel erhalten.
Bevor neue Programme, Indizes und Verteilungsmechanismen eingeführt werden, muss die Landesregierung sicherstellen, dass jede Kindertageseinrichtung ihre gesetzlichen und pädagogischen Aufgaben auf einer verlässlichen finanziellen Grundlage erfüllen kann.
2. Der ländliche Raum wird erneut strukturell benachteiligt
Besonders kritisch bewerten wir die räumlichen Verteilungswirkungen des neuen Kita-Sozialindexes.
Die Landesregierung bestätigt in ihrer eigenen Veröffentlichung ein ausgeprägtes Stadt-Land-Gefälle. Während Einrichtungen mit hohen Indexwerten nahezu ausschließlich in großstädtischen Verdichtungsräumen liegen, erreichen Kindertageseinrichtungen in kleinstädtischen und ländlichen Regionen deutlich niedrigere Werte. Einrichtungen der höchsten Indexstufe 9 kommen dort nach den veröffentlichten Ergebnissen überhaupt nicht vor.
Dies ist keine zufällige Begleiterscheinung, sondern eine unmittelbare Konsequenz der gewählten Indikatoren. Der Index basiert wesentlich auf der SGB-II-Dichte im unmittelbaren Umfeld einer Kindertageseinrichtung sowie dem Anteil der Kinder, in deren Familien vorrangig nicht Deutsch gesprochen wird. Damit werden insbesondere soziale und sprachliche Herausforderungen berücksichtigt, die sich in urbanen Verdichtungsräumen häufig stärker konzentrieren als in ländlichen Regionen.
Die besonderen Herausforderungen ländlicher Kommunen werden hingegen systematisch nicht ausreichend abgebildet. Hierzu gehören insbesondere die Sicherstellung wohnortnaher Angebote in kleineren Ortsteilen, geringere Einrichtungsgrößen, demografische Veränderungen, die Schwierigkeiten bei der Fachkräftegewinnung sowie die erheblichen finanziellen Anstrengungen zur dauerhaften Aufrechterhaltung einer dezentralen Betreuungsinfrastruktur.
Eine Kindertageseinrichtung in einem kleinen Dorf ist nicht deshalb kostengünstiger oder weniger unterstützungsbedürftig, weil dort weniger Familien im SGB-II-Bezug leben oder ein geringerer Anteil der Kinder eine andere Familiensprache als Deutsch hat. Im Gegenteil: Gerade kleinere Einrichtungen benötigen oftmals einen besonders hohen finanziellen Einsatz, um überhaupt dauerhaft betrieben werden zu können.
Wer zusätzliche Ressourcen überwiegend anhand sozialer Konzentrationsmerkmale verteilt, ohne die strukturellen Herausforderungen ländlicher Räume angemessen einzubeziehen, schafft neue Ungleichgewichte zwischen Stadt und Land.
Die Stadt Lügde lehnt eine solche Entwicklung ausdrücklich ab.
3. Die Ergebnisse für Lügde verdeutlichen die Problematik
Die veröffentlichten Einstufungen der sieben Kindertageseinrichtungen in der Stadt Lügde verdeutlichen die Auswirkungen dieses Ansatzes.
Kindertageseinrichtung
Indexstufe
Kath. Kita St. Marien
4
AWO-Familienzentrum Tausendfüßler
3
Kommunales Familienzentrum Falkenhagen
1
Kommunales Familienzentrum Sabbenhausen
1
Kommunales Familienzentrum Pusteblume
2
Johanniter-Kita Burg Adebar, Elbrinxen
1
Johanniter-Kita Sonnenblume
1
Damit befinden sich sechs der sieben Einrichtungen in den niedrigsten drei Indexstufen. Vier Einrichtungen sind sogar der niedrigsten Stufe 1 zugeordnet. Eine solche Einstufung mag die gewählten sozialen Indikatoren zutreffend wiedergeben. Sie lässt jedoch keine belastbare Aussage über die tatsächlichen wirtschaftlichen Herausforderungen der jeweiligen Einrichtungen oder über den kommunalen Aufwand für die Sicherstellung der Betreuungsangebote zu.
Gerade die kommunalen Einrichtungen in den Ortsteilen Falkenhagen und Sabbenhausen stehen beispielhaft für die Bedeutung wohnortnaher Betreuungsangebote im ländlichen Raum. Ihr Erhalt ist ein wesentlicher Beitrag zur Lebensqualität, zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie zur Zukunftsfähigkeit unserer Dörfer. Der Kita-Sozialindex honoriert diese Leistungen nicht.
4. Gute bestehende Systeme stärken, statt immer neue Sonderprogramme aufzulegen
Wir halten es für einen grundsätzlichen Fehler, dass sich die Förderpolitik des Landes immer stärker auf die Identifizierung vermeintlicher Defizite konzentriert, anstatt die Leistungsfähigkeit und Qualität bestehender Strukturen konsequent zu sichern und weiterzuentwickeln.
Selbstverständlich benötigen Kinder mit besonderen sozialen, sprachlichen oder individuellen Herausforderungen zusätzliche Unterstützung. Diese Zielsetzung steht nicht infrage. Es kann jedoch nicht der richtige Weg sein, die Verteilung zusätzlicher Ressourcen nahezu ausschließlich an ausgewählten sozialen Problemlagen auszurichten. Auch Einrichtungen mit niedrigen Indexwerten leisten hervorragende pädagogische Arbeit. Sie schaffen stabile Bildungsbiografien, fördern gesellschaftlichen Zusammenhalt und tragen wesentlich zur positiven Entwicklung ihrer Kommunen bei.
Diese funktionierenden Strukturen verdienen ebenfalls Anerkennung und finanzielle Stärkung.
Eine vorausschauende Bildungspolitik darf sich nicht allein auf die Förderung vorhandener Defizite beschränken. Sie muss ebenso den Erhalt und die Weiterentwicklung erfolgreicher Strukturen ermöglichen.
Dies gilt gerade für den ländlichen Raum.
5. Die Entwicklungschancen ländlicher Regionen werden vollständig ausgeblendet
Besonders bedauerlich ist, dass die Landesregierung mit ihrer Förderlogik eine wesentliche Zukunftsperspektive ländlicher Kommunen erneut außer Acht lässt. Viele ländliche Städte und Gemeinden verfügen über erhebliche Potenziale, durch gezielten Zuzug junger Familien, attraktive Wohnangebote und eine leistungsfähige soziale Infrastruktur ihre demografische Entwicklung positiv zu gestalten.
Eine verlässliche und qualitativ hochwertige Kindertagesbetreuung ist hierfür ein entscheidender Standortfaktor. Gerade kleinere Kommunen müssen in die Lage versetzt werden, bestehende Einrichtungen langfristig zu sichern, Betreuungsangebote weiterzuentwickeln und dadurch zusätzliche Familien für einen Wohnort im ländlichen Raum zu gewinnen.
Die Landesregierung sollte solche positiven Entwicklungsstrategien aktiv unterstützen. Der Kita-Sozialindex setzt dagegen vornehmlich dort finanzielle Anreize, wo soziale Herausforderungen bereits besonders stark konzentriert sind.
Der ländliche Raum darf nicht erst dann zusätzliche Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung erhalten, wenn sich seine sozialen
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Signatur und persönliche Kontaktdaten wurden ausgeblendet.
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